Gedanken zu Bert Hellinger und ist Annäherung möglich?

 

Ich habe zu Bert Hellinger, Gründervater der Systemaufstellung, ein gespaltenes Verhältnis. Denn in der Therapie sieht man oft, dass bestimmte Dinge nicht möglich sind. An der Stelle möchte ich etwas ausholen…..

Wenn wir seinen Ansatz verfolgen, der sagt: „Eltern schenken ihren Kindern das Leben und mehr darf man nicht verlangen, das reicht“, wage ich dem zu widersprechen. Denn wenn wir die Bindungsforschung verfolgen, wissen wir sehr genau was geschieht, wenn Kinder in den ersten Jahren ihres Lebens nicht angemessen versorgt und geliebt werden. Sie leiden! Für Kinder in den ersten Lebensjahren ist es elementar, das man auf ihre Bedürfnisse eingeht. Sind wir gezwungen in dieser Zeit mit Vernachlässigung und Gefühlsarmut umzugehen, werden wir uns Überlebensstrukturen angewöhnen, die uns im Erwachsenenalter hemmen richtig im Leben anzukommen. Beziehungsprobleme, Gefühlsarmut, Opferbereitschaft und vieles mehr sind die Folgen daraus.

Eltern haben also durchaus mehr Verantwortung ihren Kindern gegenüber, als sie nur zur Welt zu bringen und auch Kinder haben den Anspruch von Ihren Eltern gut versorgt zu werden.

Ein zweiter Punkt, bei dem ich Schwierigkeiten habe mit Sätzen von Bert Hellinger umzugehen ist das Verzeihen. Er hat oft in der Aufstellung verlangt dass man verzeiht. Wenn sie jahrelang von ihren Eltern missbraucht wurden, oder Gewalt ausgesetzt waren, halte ich es für anmaßend von einem Klienten zu verlangen, dass er verzeiht. Verzeihen ist eine Königsdisziplin und dazu gehört eine tiefe innere emotionale Einsicht. Das kann ich als Außenstehender Therapeut nicht verlangen. Hier werden Grenzen überschritten, Grenzen, die der Klient sein Leben lang schon nicht hatte, weil übergriffige Menschen sie nicht geachtet haben. Darf ich als Therapeut dann über diese Grenze gehen? Nein. Hier ist es notwendig sehr einfühlsam auf die Bedürfnisse des Klienten einzugehen. Auch wenn Hellinger sagt, es wäre heilsam zu verzeihen, mag sein, aber dann muss es vom Klienten selbst kommen.

Überhaupt sind Sätze in einer Aufstellung nur dann angebracht, wenn es dem Klienten möglich ist, sie auch auszusprechen. Wenn er es nicht kann, gehe ich über eine innere Grenze, dann ist es noch Zeit bis er soweit ist. Dann bedarf es vielleicht noch ein paar Therapiestunden. Aber wir Therapeuten sollten in dieser Hinsicht sehr einfühlsam und achtsam sein. Grenzen sollten anerkannt werden und geachtet.

Wenn wir weiterhin an den Dogmen Bert Hellingers festhalten verleugnen wir alles was die Forschung in den letzten Jahren aufgezeigt hat. Wir kennen nun die Folgen von Vernachlässigung in den ersten Lebensjahren, wir wissen wie das Gehirn sich entwickelt und welche Folgen daraus zu ziehen sind.

Wir haben mit einer sich verändernden Gesellschaft zu tun, die gleichgeschlechtliche Ehen zulässt und Patchworkfamilien als selbstverständlich betrachtet. Religiöses Gedankengut und Werte daraus treten immer mehr in den Hintergrund, weichen einer immer stärkeren individualisierten Lebensart. Hier können wir nicht auf dem Stand von vor dreißig Jahren stehen bleiben, wir müssen uns weiterentwickeln, uns der Gegebenheiten anpassen und auf die Probleme des Einzelnen mit sehr viel Bedacht eingehen.

Wir können Bert Hellinger schätzen, als einen Pionier in der therapeutischen Arbeit. Wir können sein Werk als solches anerkennen. Aber wir dürfen nicht auf diesem Standpunkt stehen bleiben.

Das gleiche würde ich auch von Freud sagen. Er war ein Pionier, aber auch hier widerlegen neuere Forschungen sein Werk. Darum würde ich das was er geschaffen hat, zu seiner Zeit, nicht schmälern. Es war Wegbereiter für neues Gedankengut und eine Kehrtwende in der Behandlung von psychisch kranken Menschen.

Also lassen sie uns weitergehen mit neuen Erkenntnissen aus der Forschung und einfühlsamen und achtsamen Therapeuten die ihre Klienten im Blick haben und angemessen auf deren Bedürfnisse eingehen.

 

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